SATIRE 04.09.2014

400 oder „Das ist Mödling“!

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“ – diesmal: Im Keller mit Michael S.

„Das war eine ausgezeichnete strategische Entscheidung, die Modeleisenbahn aus dem Keller zu entfernen. Ich bin ein wirklich kluger Stratege“, gratuliert sich Michael S. selbst. Auch zu dem übermenschlichen Opfer, das er brachte, als er sein Hobby ablegte und seine gute alte Tschu-Tschu-Lok rauswarf, die wie eine große Lokomotive pfeifen und echten Dampf ablassen konnte.

Dran glauben musste nach der Lok auch die ganze Miniinfrastruktur: die winzigen Schienen und Weichen, die mit kleinen blinkenden Lichter versehenen Rampen, die sich auf und ab bewegen, die winzigen Hügel, und lieblichen Wäldchen, die sauber geordneten Bahnhöfe, bevölkert von kleinen Menschlein, jede Figur mit ihrem eigenem kleinen Gesicht, ihrer eignen kleinen Rolle und Geschichte…  Jetzt ist das alles weg. In Schachteln verpackt und abtransportiert.
 
Ihre ganz eigene Rolle hatten auch Michaels ehemalige politische Mitstreiter. Wie sich herausstellen sollte, war diese Rolle eine verräterische, verlogene und unehrenhafte. Aber das ist jetzt egal. Jetzt hat er… sie. Sein getreues Heer. Sie werden ihn nicht verraten.

Er fühlt sich ein bisschen wie König Leonidas aus dem Film „300“. Obwohl er mehr zusammenbekommen hat. Sein eigener Film würde eher den Titel „400“ tragen.  Und anstatt „This is Sparta!“, würde Michael, mit nacktem Oberkörper, prallen, glänzenden Muskel und erhobenem Schwert in die Gesichter seiner Feinde brüllen: „Das ist Mööödling!“.
„Sie sind klein, aber furchtlos“, tröstet sich Michael. „Und immerhin – wenn ich jemandem mit einem von ihnen eins überziehe, hat er nichts mehr zu lachen“, denkt er mit versonnenem Blick, während er das Gewicht eines der Gartenzwerge in seiner Hand abschätzt.

Michael hat noch große Pläne mit den Zwergen. Sie könnten zusammen musizieren, den Österreichischen Nationalrat  nachspielen, Teegesellschaften veranstalten, neue Ministerien gründen… Er könnte jedem von ihnen ein Facebook- oder Twitter-Profil anlegen, und sie können sich in den sozialen Netzen anfreunden.

Michael hört ein Geräusch und erstarrt. Er darf sich jetzt nur nicht von seiner Frau erwischen lassen. Sie würde ihm verbieten, mit seinen Zwergen zu spielen und ihn vielleicht sogar zwingen, sie dem Feind zurück zu geben. Zurück nach Vorarlberg...

Uroš Miloradović / KOSMO

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