147 RAT AUF DRAHT 26.02.2015

200 Krisen am Tag

© Buzić / KOSMO
Bei 147 - Rat auf Draht werden täglich 200 Beratungen von Jugendlichen in Krisensituationen durchgeführt. Wir trafen die Psychologin Manuela Zrnić, die seit vierzehn Jahren als telefonische Beraterin bei Rat auf Draht arbeitet.


Beim Eintreten in den Raum fällt einem sofort die ruhige und konzentrierte Atmosphäre auf. In dem kleinen Büro stehen mehrere Tische mit Computerbildschirmen in einem Halbkreis. Jeder Platz ist mit einem Telefon mit Head-Set ausgestattet. Manuela Zrnić ist Psychologin und arbeitet seit vierzehn Jahren bei Rat auf Draht. Täglich hat sie mit Problemen wie Gewalt in der Familie, sexuellem Missbrauch oder Mobbing zu tun. Dabei reicht die Schwere der Fälle von einfachen Informationsanrufen bis hin zu Anrufern mit akuter Suizidgefährdung. Um ihren meist jugendlichen Anrufern zu helfen steht ihr nur ihre Stimme zur Verfügung. „Das wichtigste ist es, jeden Anrufer absolut ernst zu nehmen“, erklärt die 37-Jährige.

Anonymität und Vertrauen an erster Stelle

Allzu viele Details über den Inhalt ihrer Beratungsgespräche lässt sie sich nicht entlocken. Die Anonymität der Anrufer und die Diskretion stehen hier an erster Stelle. „Es ist uns wichtig, dass die Jugendlichen wissen, dass sie uns absolut vertrauen können“, erklärt Zrnić.

Aktuell kreisen die Probleme der meisten ihrer Anrufer um Themen der Neuen Medien, wie Cyber-Mobbing und Sexting, dem Verschicken von eigenen Fotos mit sexuellem Charakter. Jeder dritte Jugendliche gibt mittlerweile an, selbst solche Fotos versendet zu haben. „Wenn die Bilder dann plötzlich in der Schule herumgezeigt oder per Internet verschickt werden, wird das schnell eine sehr bedrohliche Situation für die Jugendlichen“, weiß Zrnić.

In akuten Krisenfällen versucht die Psychologin als erstes mit dem Anrufer gemeinsam nach Ressourcen in seiner eigenen Umgebung zu suchen. „Gibt es jemanden in der Familie, an den man sich wenden könnte? Gibt es in der weiteren Verwandtschaft oder bei Freuden jemanden, der helfen könnte?“, sind die wichtigsten Fragen in der akuten Beratung. „Leider fehlt es aber oft an wirklich stabilen Freundschaften“, erklärt die Psychologin. Am anderen Ende der Skala kann aber auch ein „Zuviel“ an Bindungen stehen - wenn etwa Eltern nicht die Privatsphäre ihrer Kinder respektieren.

Migrantische Familienverhältnisse

Grundsätzliche Unterschiede zwischen den Problemen von Jugendlichen aus migrantischen und aus österreichischen Familien sieht die Psychologin aber trotzdem nicht. „Wenn ein Mädchen muslimischer Herkunft klagt, dass es nicht so viel fortgehen darf wie die Freundinnen, oder dass die Eltern ihren Freund nicht akzeptieren, dann gibt es das genauso in österreichische Famlien“, gibt Zrnić zu bedenken. „Persönliche Freiheiten und Grenzen sind für alle Jugendlichen ein zentrales Thema“, so die Psychologin.

Trotzdem merkt man, dass die Familie bei Migranten viel mehr Gewicht hat: "Sie gibt zwar viel Halt, aber sie hat auch mehr Einfluss auf die persönliche Lebensführung“, erklärt Zrnić. „Und das ist nicht immer angenehm.“

In solchen Fällen müssen die Anrufer bei Zrnić, deren Eltern aus Bosnien-Herzegowina und Serbien stammen, nicht viel erklären. Wenn eine Anruferin mit Wurzeln am Balkan erzählt, dass sie mit ihrem Freund zusammenzieht und Angst hat, die Eltern könnten jeden Tag vorbeikommen wollen – noch dazu unangemeldet, dann ist die Situation für Zrnić nachvollziehbarer, als für eine Österreicherin.

61.000 Telefonberatungen im Jahr

Doch die Telefonate kreisen nicht immer um so leichte Probleme, wie aufdringliche Mütter. Manche der Beratungen können selbst für die erfahrene Psychologin belastend sein. Hier hilft ihre vor allem das Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen, den eigenen Druck abzubauen. Hinter jeder der Beraterinnen steht ein professionelles Team, bestehend aus Psychologinnen, Psychotherapeutinnen, Lebens- und Sozialberaterinnen und einem Juristen. Das 14-köpfige Team sorgt dafür, dass es hier rund um die Uhr eine Ansprechperson für Jugendliche in Not gibt.
 
Unter der Kummernummer 147 wurden 2014 mehr als 61.000 telefonische Beratungen durchgeführt. Daneben fanden 900 Chat-Beratungen und knapp 3.500 Online-Beratungen über die Rat-auf-Draht-Homepage statt. Täglich werden hier um die 200 telefonische Beratungsgespräche geführt.

 „Es gibt keine Patentlösung“, weiß die Psychologin nach vierzehn Jahren Erfahrung in diesem Beruf. „Man kann nur jedes Mal aufs Neue versuchen, mit den Problemen umzugehen. Daran erinnert auch das Motto von Rat auf Draht: „Das Leben ist nicht immer ein Kinderspiel.“

Ljubiša Buzić / KOSMO

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