INTERVIEW 05.11.2014

Vassilakou: „Hohe Mieten – Bundesregierung sieht tatenlos zu“

© KOSMO
Nachdem sich der Wirbel um die neue Mariahilfer Straße wieder gelegt hat, sprachen Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou über die aktuelle Stimmung auf der „Mahü“, ihre Vision für Wien und warum die Regierung nichts gegen die steigenden Mieten unternimmt.


KOSMO: Bei der Umgestaltung der Mariahilfer Straße haben Sie viel Kritik bekommen. Wie ist die Stimmung im Moment?

Maria Vassilakou: Die Stimmung ist jetzt eine sehr gute. Ich bin sehr häufig auf der Mariahilfer Straße und jeder Spaziergang ist mir eine Freude, weil ich parktisch alle paar Schritte angesprochen werde, von jemand, der sagt, wie schön er das jetzt findet. Es ist an jedem Nachmittag voll, die Menschen gehen überall auf der Straße und bewundern die schönen alten Gebäude. Sehr viele haben übrigens jetzt zum ersten Mal bemerkt, dass es auf der Mariahilfer Straße Bäume gibt. Es zeigt, dass aus einer stark befahrenen Straße jetzt wirklich ein großartiger neuer Freiraum für Wien entstanden ist.

Nach all der Wirbel - was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

Ich würde viel anders machen. Aber so ist das nun mal im Leben: Man hat selten die Chance etwas zweimal zu machen. Heute würde ich von Anfang an ein kleines Stückchen neu gestalten, so dass man erleben kann, wie es aussehen würde, wenn es fertig ist. Andererseits: würde ich diesen Weg gehen, würde man mir wahrscheinlich Verschwendung vorwerfen. Ich würde vielleicht den einen oder anderen Fehler nicht mehr machen, dafür aber andere Fehler.

In Wien wird auch immer wieder über das Aussterben der kleinen Geschäfte geklagt, was unternehmen Sie dagegen?

In meinem Ressort gibt es zwei Verantwortungsbereiche: die Verkehrspolitik, die hier entscheidend dazu beitragen kann, dass eine Straße attraktiver wir und die Stadtplanung, die dazu beitragen kann, dass es viele neue Räumlichkeiten, für kleine Geschäfte gibt, in neuen Stadtteilen. Natürlich ist es in den Wiener Gründerzeitvierteln eine Aufgabe der Verkehrspolitik, Straßen neu zu gestalten, mit breiteren Gehsteigen, Sitzgelegenheiten, Begrünung dafür zu sorgen, dass eine Straße attraktiver wird, denn davon profitiert der Handel immer. Ich denke dass ein gutes Beispiel dafür etwa die Ottakringer Straße ist.

Gerade in Ottakring wurde ja viel über eine „Verramschung“ geklagt, Wettcafes und ähnliche Lokale…

Ich würde sagen, dass die Ottakringer Straße vor alles seit der Neugestaltung schon ein neues Antlitz bekommen hat, das dem Handel nur Vorteile bringt. Was dann der Einzelne entscheidet, in seinem Geschäft zu investieren, oder nicht zu investieren, ist etwas, das die Stadtplanung nicht beeinflussen kann.

Was sind ihre Visionen für Wien?

Belebte Straßen sind das, was wir uns alle wünschen, wenn wir zu Fuß unterwegs sind. Ich glaube, das zentrale Problem, mit dem vor allem der kleine Handel in Wien kämpft, ist die Entwicklung der Mieten. Ich finde außerdem, dass es ein aktives Parterre-Management in Wien braucht. Also eine Agentur, die nicht nur aktiv Geschäfte vermittelt, sondern sich auch den Mix in einer Straße ansieht und aktiv verschiedene Ansiedlungen anstrebt, die aber auch unter Umständen selbst mietet und weitervermietet. Ich denke auch, dass unter bestimmten Umständen auch eine Leerstandsabgabe sehr hilfreich wäre. In vielen Bereichen werden Geschäfte aus spekulativen Gründen zurückgehalten und gelangen nicht in den Markt, was sowohl für den Handel als auch für das Stadtbild Nachteile hat. Das sind nur ein paar Beispiele, von dem, was die Stadt beitragen könnte. Der Rest ist allerdings auch Aufgabe der Wirtschaftskammer.

Sie haben die Mieten angesprochen. Das Problem gibt es schon lange. Wieso tut sich hier so wenig?

Lösen wir es doch – kann ich nur sagen. Die Bundesregierung muss endlich die Mietrechtsreform angehen. Tatenlos wird zugesehen, wie alleine im vergangenen Jahrzehnt die Mieten in der gründerzeilichen Stadt, im freien Markt, für eine Hauptmietwohnung über 60 Prozent zugelegt haben. Ich persönlich halte das für die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre. Was man in Wien oft ausblendet, ist dass unser Wohlstand zentral von der Mietenentwicklung abhängt.  Die Tatsache, dass wir eine der wenigen europäischen Hauptstädte mit leistbaren Mieten sind, bedeutet, dass wir  mehr ausgeben können. Das ist Geld, dass eins zu eins in die lokale Wirtschaft geht. Wenn dieses Geld in die Taschen von Immobileinfonds geht, haben wir alle verloren. Die Bundesregierung steht uns allen gegenüber in der Pflicht, dringend zu handeln.

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